Evangelisch-Lutherische

MATTHIAS-CLAUDIUS-KIRCHENGEMEINDE

 

 

Liebe Suchsdorferinnen,

Neues Licht für die Welt

Der 9. November 1938 – ein dunkler Herbstabend. Klirrende Geräusche auch auf den Berliner Straßen. Gegröle und Geschrei. Kommandostimmen und Beleidigungen. Knüppelhiebe und Gewehrkolbenschläge. Verhaftungen, Entrechtungen und Ermordungen. Reichspogromnacht in Deutschland. Vielleicht liest Jochen Klepper noch einmal die ersten Zeilen seines Weihnachtsliedes, das er vor nicht einem Jahr zu Papier gebracht hatte: 

„Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern“

Es ist dunkel und das eben nicht nur wegen der Tageszeit im Spätherbst. Es ist dunkel für ihn persönlich. Die Lebenszeit in dieser Epoche ist für Jochen Klepper und seine jüdische Frau und deren Töchter finster. Die Nürnberger Rassengesetze wirken sich auf die Familie jetzt direkt aus. Klepper hat seine berufliche Basis verloren, da er aus der Reichsschrifttumkammer ausgeschlossen wurde.
Seine Zukunft ist verdunkelt. Er erlebt die tiefe Ohnmacht der Arbeitslosigkeit und der Perspektivlosigkeit. Er hat Angst. Das fühlt sich tagein tagaus an wie tiefe Nacht. Und in dieser Nacht noch mehr. Da ist keine Orientierung, da ist Kälte und Finsternis.Tag und Nacht erfährt er die Ausgrenzung, die alle Juden in Deutschland erleben. Er hat das Gefühl, nichts für seine Familie machen zu können. Ihm sind die Hände gebunden. Er kann nichts verändern. Sollten sie auswandern? Trotzig und zur eigenen Ermutigung spricht er seine Hoffnung aus: Auch nach der Nacht kommt der neue Tag. Er wünscht sich einen Tag voller Zuversicht und Trost.Doch was ist, wenn der neue Tag ausbleibt, wenn diese Nacht der Verfolgung immer weitergeht? Was ist, wenn es keinen neuen Morgen gibt?
„Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt“, so fängt die letzte Strophe an. Gott beheimatet sich in den Orten, die lebensfeindlich sind: in der Nacht der Hoffnungslosigkeit, in der Wüste der Angst, in der Todeskälte der
Einsamkeit. Gott teilt unser ganzes Leben. Klepper ist dadurch ermutigt, das Leben ganz wahrzunehmen. Selbst wenn die Nacht, Wüste und Kälte endlos sein würden, Gottes Nähe ist gerade darin auch unendlich. Das Dunkel wird zu einem erhellten Ort. Alle Dinge werden in ihr Gegenteil verkehrt: Dunkel wird hell, Angst wird zur Entschiedenheit und Tod wird zum Leben, und Licht ist das Erste und das Letzte. Und diese Hoffnung will tragen. Aber am 11. Dezember 1942 ist allen klar: Es geht aufs Letzte, denn der Tochter ist der Deportationsbefehl zugegangen und die Ehefrau soll zwangsgeschieden werden und verlöre somit allen Schutz der „Mischehe“. Sie begehen gemeinsam Suizid: „Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben“, schreibt er in sein Tagebuch. Auch in diesem Sterben sieht er Gott und sein Licht. Während ich diese Zeilen schreibe, lesen und hören wir die Nachrichten vom Anschlag in Halle auf die Synagoge und den Überfall der türkischen Armee auf Syrien. Es ist auch eine Nacht der Ohnmacht, die ich spüre. Wo sind die Menschen, die um Frieden beten und das Unrecht beschreien?
Ich lebe in der Hoffnung auf Licht trotz aller Finsternis, die von uns Menschen gemacht wird. Ich lebe in der Hoffnung, dass Gott das Licht ist, das den Frieden ringt, wenn wir es denn wollen. Nie wieder sollten Menschen sich aus Angst vor der Macht der Menschen das Leben nehmen müssen.

​​​Pastor Szelinski

 

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