Evangelisch-Lutherische

MATTHIAS-CLAUDIUS-KIRCHENGEMEINDE

 

 

Herbstandachten kurz & knapp

 

Herbstandacht kurz & knapp zum 24.10.2021

 

WER BIN ICH?

 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.

 

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge.

Ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?

 

Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

 

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

(Dietrich Bonhoeffer, 1944)

 

Wer bin ich?

Diese Gedanken bringt der Pastor Bonhoeffer 1944 im Gefängnis Tegel zu Papier. Er ist von den Nationalsozialisten verhaftet worden, weil er verdächtig wird, etwas mit einem Attentat auf Adolf Hitler zu tun zu haben. Darauf steht die Todesstrafe.

Die Mitgefangenen erleben Bonhoeffer nicht als jemand, der Todesangst hat. So schreibt er es in den ersten drei Absätzen. Er macht anderen Mut, durchzuhalten, sich nicht aufzugeben, nach vorn zu schauen. Er zeigt Haltung und Würde auch in aussichtloser Situation.

In Bonhoeffer selbst sieht es ganz anders aus, wie es es dann in dem großen Absatz beschreibt. Im Innern ist er zutiefst verunsichert und verletzt. In seinem Menschsein, seiner Würde, in seiner Not.

„Wer bin ich? Der oder jener?“ – fragt er selber zweifelnd.

Das kennen wir manchmal auch: Andere nehmen uns anders wahr als wir selbst. Entweder besser als wir selbst oder auch schlechter. Wer bin ich wirklich? Das, was die anderen denken, oder das, was ich über mich denke?

Wer bin ich?

Bonhoeffer ist 39 Jahre alt, als er den Text mit dieser Frage schreibt. Er weiß keine eindeutige Ant-wort darauf. Stattdessen kommt er auf Gott und weiß sich in dessen Händen geborgen, angenommen und verstanden:

Wer ich auch bin, du kennst mich, dein bin ich, o Gott!

 

Für mich spricht aus diesen Worten Dietrich Bonhoeffers ein ähnliches Vertrauen, wie es vor langer Zeit auch in den Psalmen ausgedrückt worden ist.

Da heißt es etwa in Psalm 73 in den Versen 23-26:

Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hälst mich bei meiner rechten Hand,

du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.

Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

 

Die Fragestellung Bonhoeffers an die eigene Person bleibt zeitlos.

Wer bin ich?

Ich wünsche uns allen, daß wir als Christen vielleicht eine ähnliche Antwort finden wie er, die zu uns passt und in der wir den Trost Gottes erfahren:

Wer ich auch bin, Du kennst mich, dein bin ich, o Gott.

 

Ich schließe mit dem modernsten Lied unseres Gesangbuches, der Nr. 491:

  1. Bevor die Sonne sinkt, will ich den Tag bedenken. Die Zeit, sie eilt dahin. Wir halten nichts in Händen.
  2. Bevor die Sonne sinkt, will ich das Sorgen lassen. Mein Gott, bei dir bin ich zu keiner Stund vergessen.
  3. Bevor die Sonne sinkt, will ich dir herzlich danken. Die Zeit, die du mir läßt, möcht ich dir Lieder singen.
  4. Bevor die Sonne sinkt, will ich dich herzlich bitten: Nimm du den Tag zurück in deine guten Hände.

 

Tom Beese, Pastor i.R.

Vertretung von Oktober bis Dezember 2021 in der Matthias Claudius Gemeinde

 


Sie finden alle früheren Andachten im "Archiv der Andachten" zum Nachlesen!


 

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