Pastorinnen-Alltag #2
‚Hallo, ich bin die Pastorin‘, stelle ich mich vor. Das Gesicht meines Gegenübers ist angespannt, dann platzt es aus ihm heraus: ‚Ich bin nicht so der große Kirchgänger. War lange nicht mehr da.‘
‚Bitte entschuldige, dass ich die letzten Male nicht zum Familien-Gottesdienst kommen konnte, wir hatten immer so viel zu tun!‘, begrüßt mich eine dreifache Mutter einmal.
Beim Trauergespräch reden wir viel über den Verstorbenen, dann sagen die Angehörigen etwas verschämt: ‚Also, er ist ja nicht so oft in den Gottesdienst gegangen. Das lag ihm nicht so.‘
So und so ähnlich viele Male gehört. Wir wissen alle – aus eigener Anschauung oder aus den Medien – dass immer weniger Menschen in den Gottesdienst kommen. ‚Schade‘, denke ich manchmal, ‚das war doch heute echt toll!‘ Aber noch nie habe ich jemanden getroffen und gedacht: ‚Na, du warst aber auch schon lange nicht mehr da!‘
Warum entschuldigen sich Leute bei mir, wenn sie nicht in den Gottesdienst kommen? Ist immer noch im allgemeinen Gewissen ein Pflichtgefühl vorhanden, man müsse doch eigentlich? Ist es Angst vor Kritik oder Ermahnung? Oder vielleicht – die netteste Variante – eine Art von Respekt für meine Arbeit?
Ich freue mich, wenn Ihr kommt. Ich glaube, wir machen da sonntags wirklich tolle und sehr verschiedene Veranstaltungen. Aber letztlich finde ich: man sollte dann in den Gottesdienst kommen, wenn es einem gut tut. Nur dafür ist er da.
Gemeinschaft erleben. Interessante und/oder berührende Gedanken hören. Musik hören und selbst singen. Zeit für dich haben und dein Herz Gott öffnen. Manchmal lachen, manchmal weinen. Das ist Gottesdienst.
Ich muss mich korrigieren. Ich habe doch schon mal gedacht ‚Du warst aber lange nicht da.‘ Das war, als mir jemand sagte, Gottesdienste seien immer gleich und immer langweilig. Da habe ich das tatsächlich gedacht.
Komm gerne vorbei! Einmal, zum ersten Mal oder immer wieder. Herzlich willkommen!
Oder eben nicht. Trotzdem herzlich willkommen in unserer Gemeinde, jederzeit.
Herzliche Grüße,
Ihre und eure Pastorin Marion Hild
